Superblock Stuttgart

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Wie ein Verkehrsversuch ein Quartier verwandelt

18 Monate lang verwandelte sich eines der am dichtesten besiedelten Wohngebiete Europas in ein lebendiges Experimentierfeld für nachhaltige Stadtentwicklung. Der Superblock Stuttgart-West zeigt eindrucksvoll, wie Bürgerengagement und mutige Verkehrspolitik gemeinsam urbane Lebensqualität neu definieren können.

Wenn Nachbarinnen und Nachbarn ihre Stadt zurückerobern

Es begann 2020 mit einem Impuls aus der Nachbarschaft. Anwohnerinnen und Anwohner sowie Mitglieder des Vereins Quartierswerkstatt Augustenstraße hatten eine Vision: Ihr dicht bebautes Quartier im Superblock Stuttgart-West sollte mehr sein als nur eine Ansammlung von Wohnhäusern, durchzogen von Durchgangsverkehr. Sie wollten Raum zum Atmen, zum Begegnen, zum Leben.

Der Bezirksbeirat West hörte zu – und unterstützte die Initiative. Im Februar 2024 wurden die ersten vorbereitenden Maßnahmen sichtbar: Farbmarkierungen auf dem Asphalt, Vorbereitungen für Poller und Anfang April die Lieferung der ersten CITY DECKS®-Module. Anfang Mai 2024 wurde der Superblock Stuttgart-West schließlich offiziell eröffnet.

Der Verkehrsversuch war auf 18 Monate angelegt und wurde durch Gutachten sowie eine wissenschaftliche Evaluation begleitet. Im Frühjahr 2026 soll entschieden werden, welche Maßnahmen verstetigt werden können und wie die Zukunft des Quartiers aussieht.

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Was ist eigentlich ein Superblock?

Das Konzept der Superblocks stammt ursprünglich aus Barcelona, wo es seit 2016 unter dem Namen „Superilles“ umgesetzt wird. Die Grundidee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: In einem zusammenhängenden Quartier wird der Durchgangsverkehr auf die äußeren Straßen verlagert. Innerhalb des Blocks gilt Tempo 10 oder 20, Fußgängerinnen und Fußgänger haben Vorrang, und der öffentliche Raum wird neu verteilt.

Ziele eines Superblocks sind unter anderem die Reduktion von Lärm und Luftverschmutzung, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrende, neue Grünflächen und Begegnungsorte, die Stärkung der lokalen Gemeinschaft sowie eine höhere Lebensqualität für alle Altersgruppen.

Was in Barcelona begann, ist inzwischen eine internationale Bewegung. Städte wie Paris, Wien, Kopenhagen und auch mehrere deutsche Kommunen setzen auf ähnliche Konzepte. Ob Kiezblocks, Grätzloasen oder Sommerstraßen – das Prinzip bleibt gleich: Straßen werden vom reinen Verkehrsraum zu urbanen Wohnzimmern.

Stuttgart-West: Dichte als Herausforderung und Chance

Stuttgart-West gehört zu den am dichtesten besiedelten Wohngebieten Europas. Auf engem Raum leben hier tausende Menschen, historische Gründerzeitbauten prägen das Stadtbild, der Platz zwischen den Häusern ist knapp. Viele Bewohnerinnen und Bewohner verfügen weder über Balkon noch Garten – der öffentliche Raum ist ihre wichtigste Aufenthaltsfläche.

Gerade diese hohe Dichte macht den Superblock Stuttgart-West zu einem idealen Testfeld. Wo viele Menschen auf engem Raum leben, ist der Bedarf an qualitativ hochwertigen öffentlichen Räumen besonders groß – und die potenzielle Wirkung entsprechend hoch.

Der Superblock umfasst mehrere Straßenzüge rund um die Augustenstraße. Durch Verkehrsberuhigung und Neugestaltung entstanden neue Möglichkeiten: Sitzmöbel laden zum Verweilen ein, Pflanzkästen bringen Grün ins Quartier, Außengastronomie belebt die Straßen.

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Evaluation des Superblocks Stuttgart-West: Erkenntnisse und Diskussionen

Die 18-monatige wissenschaftliche Begleitung liefert wertvolle Daten: Wie hat sich das Verkehrsaufkommen verändert? Wie die Luftqualität? Wie nutzen die Menschen die neu geschaffenen Räume? Und wie hoch ist die Akzeptanz in der Bevölkerung?

Erste Rückmeldungen zeichnen ein differenziertes Bild. Viele Anwohnerinnen und Anwohner schätzen die neue Aufenthaltsqualität, zugleich gibt es kritische Stimmen – etwa von Gewerbetreibenden, die Nachteile für ihr Geschäft befürchten, oder von Anwohnenden angrenzender Straßen, die eine Verkehrsverlagerung wahrnehmen.

Diese Diskussionen sind Teil des Prozesses. Der Superblock Stuttgart-West ist bewusst als Experiment angelegt: als Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, Konflikte sichtbar zu machen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Temporäre Ansätze erlauben es, verschiedene Szenarien zu testen, bevor langfristige Investitionen erfolgen.

Von Barcelona nach Stuttgart: Superblocks im deutschen Kontext

Während Barcelona konsequent auf dauerhafte Umgestaltungen setzt, wählen deutsche Städte häufig den Weg über temporäre Verkehrsversuche. Gründe dafür sind höhere rechtliche Hürden, komplexe Beteiligungsprozesse und eine nach wie vor starke Pkw-Kultur.

Der Superblock Stuttgart-West steht exemplarisch für diesen pragmatischen Mittelweg. Er schafft neue Realitäten, ohne unumkehrbare Entscheidungen zu treffen, ermöglicht Lernen und Anpassung und macht neue Formen urbanen Lebens konkret erfahrbar – nicht als Vision, sondern im Alltag.

Ähnliche Projekte finden sich in Berlin, Hessen oder Baden-Württemberg. Überall geht es um dieselbe Frage: Wie wollen wir in Zukunft in unseren Städten leben?

Die Zukunft des Superblocks Stuttgart-West

Im Frühjahr 2026 fällt die Entscheidung über die Zukunft des Superblocks Stuttgart-West. Werden Maßnahmen verstetigt? Wird das Konzept ausgeweitet? Oder kehrt das Quartier zum ursprünglichen Zustand zurück?

Die Antwort hängt nicht allein von der Evaluation ab, sondern auch von politischem Willen, verfügbaren Ressourcen und dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Die Quartierswerkstatt Augustenstraße und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer werden sich weiter für ihre Vision einsetzen.

Was bleibt, ist eine zentrale Erkenntnis: Stadtentwicklung muss nicht immer in Jahrzehnten gedacht werden. Manchmal reichen 18 Monate, um zu zeigen, was möglich ist. Temporäre Interventionen wie der Superblock Stuttgart-West sind Laboratorien für die Stadt der Zukunft – Orte, an denen gelernt wird, wie Städte lebenswerter, grüner und menschlicher werden können.

„Der Superblock zeigt“, so Wulf Kramer, „dass Mut sich lohnt. Dass man nicht jahrelang planen muss, um anzufangen. Und dass die Menschen bereit sind für Veränderung – wenn man ihnen zeigt, wie sie aussehen kann.“

Mehr über das Projekt in Stuttgart-West finden Sie auf der Projektseite der Initiative und der Seite der Stadt Stuttgart

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